Wer Begriffe wie “Gezi-Park” oder “Tahrir-Platz” hört, wird, sofern er oder sie in den letzten Jahren nicht völlig abgeschottet gelebt hat, vermutlich sofort an Konflikte, Ausschreitungen und das Aufbegehren von Menschen gegen die herrschenden Strukturen denken. Was einem tatsächlich aber auch in den Sinn kommen könnte, sind aktive Fußballfans, die bei Protesten wie denen in Istanbul oder Kairo mitunter eine wichtige Rolle gespielt haben. Genau diesen Aspekt beleuchtet Ralf Heck in seinem 2015 in der Zeitschrift “Kosmoprolet” erschienenen, 45seitigen Beitrag und schreibt einleitend:
“Der folgende Text versucht zu erklären, wie dieser oft im besten Fall als völlig unpolitisch oder kommerzabhängig bewertete Akteur [gemeint sind Ultras, AS] entstehen konnte und wie sein Wirken in den Klassenkämpfen einzuschätzen ist. Denn wenn es stimmt, dass wir uns gegenwärtig an der Schwelle zu einer neuen Epoche befinden, dann spricht einiges dafür, dass Teile dieses Milieus in den kommenden Revolten eine Rolle spielen werden.” (S. 159)
Die Wortwahl mag eigen erscheinen, erschließt sich aber über die Zeitschrift, in der der Beitrag veröffentlicht wurde und die am deutlich linken Ende des Medienspektrums einzuordnen ist. Lässt man die so notwendigerweise vorhandene politische Färbung beim Lesen des Textes außen vor, geht es aber vor allem um einen Überblick über die Wurzeln und die Entwicklung der Ultra-Bewegung und eben die Frage, in welcher Weise und Funktion organisierte Fußballfans bei verschiedenen gesellschaftspolitischen Protesten sichtbar wurden.
Dafür sucht Heck zunächst nach Zusammenhängen zwischen der Arbeiterklasse und dem Fußballsport, die sich, wie er anschaulich darstellt, bis ganz an die Anfänge des Spiels am Ausgang des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Es schließt sich ein längerer, äußerst aufschlussreicher Abschnitt über die Entwicklung des Hooliganismus in England an, woran bereits früh eine ausgesprochene Stärke des Textes deutlich wird: Sämtliche Ausführungen zur Entstehung bzw. Entwicklung von Phänomenen und Gruppen werden immer zu den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Beziehung gesetzt. Abschnitte wie der nachfolgend zitierte rufen dabei schmerzlich in Erinnerung, dass Aspekte, die man als engagierter Fan heutigentags beklagt, alles andere als neu oder unbekannt sind:
“Ab Mitte der 1970er Jahre nahmen die Auseinandersetzungen zu. Vor allem gegen zu Auswärtsspielen reisende Fans ging die Polizei mit immer größerer Gewalt vor und trug so zu einem aufgeheizten Klima bei. Auch die Medienberichterstattung (viele Zeitungen publizierten Ligatabellen der Fangewalt und befeuerten so einen veritablen Ausschreitungswettbewerb) leistete ihren Beitrag dazu, dass sich immer mehr Jugendliche einer Bewegung anschlossen, bei der ihnen Spaß garantiert war.” (S. 167)
Wie sich Geschichte doch wiederholt…
“Prekäre Arbeiter, Schüler und unbeschäftigte Intellektuelle: Ultras in Italien” lautet dann ein Abschnitt des Textes, der für die heutige Ultra-Bewegung eigentlich Pflichtlektüre sein müsste, was für den nachfolgenden Teil zu “Ultramythen. Gemeinsamkeiten und Grenzen” ebenso gilt. Nicht nur stellt Heck überzeugend dar, aus welchen Beweggründen und vielerorts sicher auch Zugzwängen heraus sich Ultra in Italien entwickelte, er kritisiert vor dieser Hintergrundfolie auch – meines Erachtens zu Recht – bedenkliche Tendenzen, die man heute in so mancher Kurve feststellen kann. So hält er beispielsweise im Zusammenhang mit der gern genommenen und “zum Standardrepertoire gehörende[n] Kritik am passiven, konsumierenden Fan” fest: “Die Kritik verkommt zur Pseudo-Aktivität, wenn der erkämpfte Freiraum in der Kurve nicht Ausgangspunkt einer weitergehenden Revolte wird, sondern selbstreferenziell bleibt und damit im besten Falle an den schlimmsten Auswüchsen der Fußballindustrie herumkrittelt.” (S. 180) Gute Worte, die in der das Thema betreffenden Debatte leider im Schwarz-Weiß-Grundrauschen viel zu selten zu hören sind.
Mit einem (allerdings zur Hinführung notwendigen) ‘Anlauf’ von etwas mehr als 20 Seiten kommt Ralf Heck schließlich zum eigentlich als Kern seines Beitrags angekündigten Teil, in dem er sich mit der Entwicklung der Ultra-Bewegung in Ägypten, mit den “Hippie-Hools vom Gezi-Park” in Instanbul und mit den aktiven Fans in der Ukraine unter dem Titel “Vom Maidan an die Front” auseinandersetzt. Ohne an dieser Stelle bereits zu viel verraten zu wollen, eröffnen die Ausführungen eine spannende Perspektive auf die Rolle dieser Gruppen, die in der ‘regulären’, fußballbezogenen Berichterstattung oft genug nur eindimensional und häufig problembehaftet dargestellt werden und für die in Beiträgen über verschiedene internationale Krisenherde (wie den genannten) häufig genug überhaupt kein Platz ist.
Die Frage, ob die entsprechenden Aktivitäten der Ultras nun als Eigentor oder Aufstand zu beurteilen sind, reflektiert Heck im abschließenden Teil seines Textes. Dem Verfasser gelingt mit dem Beitrag insgesamt und abseits des einschlägigen politischen Vokabulars eine hervorragende Diskussion der eingangs aufgeworfenen Fragestellung, die in jedem Fall zum Nach- und Weiterdenken anregt. “Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten” richtet sich damit an alle, die auch abseits der spieltäglichen Fußballfolklore an Fankultur interessiert sind. Ein großartiger Text, der eine breite Leser*innenschaft verdient.
Ralf Heck (2015): Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten. In: Kosmoprolet, Heft 4, S. 158-203. Bezug über Syndikat-A.
Zur Besprechung des Textes wurde uns vom Autor freundlicherweise ein Exemplar des Heftes zur Verfügung gestellt. (as)


Aber der 2. Geburtstag erinnert mich auch an ein Versprechen an die Autoren, die Leser und mich selbst, das ich von Anfang an gemacht habe: die langen Texte sollten auch hörbar sein. Von Beginn an hatte sich diese fixe Idee in meinem Hinterkopf eingenistet. Wenn man lange Texte mit hoher Halbwertszeit und Liebe zum Detail veröffentlicht, wieso sollte man sie dann nicht vertonen und damit auf einer zusätzlichen Ebene konsumierbar machen?
Was wir im 2. Jahr wieder hinbekommen haben, ist Themenvielfalt: internationaler Fußball, Amateursport, Taktikdiskussionen, Historisches und viele weitere Themenfelder haben wir im vergangenen Jahr bearbeitet und gezeigt, dass unser aller Fußball weit mehr Facetten hat, als Barca, Bayern, Real & Co.
Peiffer und Wahlig haben für diese Studie eine große Zahl an lokalen und überregionale jüdischen Zeitungen und Gemeindeblättern ausgewertet. Insgesamt waren das mehr als 5000 Seiten Material: “Eine in dieser Form bislang nicht zur Verfügung stehende Quellenbasis.” (S.9) Hinzu kommen Dokumente aus Archiven im In- und Ausland, wobei die ausländischen Archive weitaus ergiebiger waren, da geflüchtete Athleten Erinnerungen in diesen deponierten und so vor der Vernichtung bewahrten. Einführend gibt es einen kurzen Abriss der Geschichte des jüdischen Fußballs vor 1945. Dieser dient dazu, explizit darauf hinzuweisen, dass es Juden waren, die den Fußballsport förderten als dieser noch als “undeutsch, unelegant” (S.13) – also ganz ähnliche Stereotype, mit denen sich Juden konfrontiert sahen – oder als “englische Krankheit” bezeichnet wurde. Die wohl bekanntesten sind Kurt Landauer, Präsident des FC Bayern und Walther Bensemann, Gründer des Kicker und beteiligt an mindestens 8 (!!!) Vereinsgründungen wie beispielsweise Eintracht Frankfurt. Er war in die Gründung des DFB involviert organisierte das erste offizielle Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft 1908 gegen die Schweiz. Mit anderen Worten: ohne Bensemann sähe der deutsche Fußball heute anders, ganz ganz anders aus, gäbe es keine 4 Weltmeistertitel, derer man sich rühmt, vorzuzeigen. Angesichts dieser Tatsache war diese Forschungslücke nahezu grotesk; gepaart mit einzelnen Episoden aus der Geschichte des DFB post-1945 lassen sich hieraus unglücliche Rückschlüsse ziehen, die den DFB in die Verantwortung nehmen. Ohne Übertreibung kann man dem Buch das Siegel Pflichtlektüre aufdrücken. Jede und jeder, die/der sich mit deutscher Fußballgeschichte auseinandersetzt, sei es aus persönlichem Interesse oder im akademischen Rahmen sollte dieses Buch kennen.





